Die 16-jährige Rebecca lebt mit ihrer lesbischen Mutter Janne -
einer Psychotherapeutin - und deren Freundin Patrizia "Spatz"
Vargas glücklich in Hamburg. Ihr Vater Alec, ein Amerikaner,
lebt mit seiner Ehefrau Michelle und ihrer gemeinsamen Tochter Val
in Los Angeles. Rebecca hat sich gerade von Freund Sebastian getrennt
und versucht, für sich herauszufinden, was sie im Leben will.
Als sie wieder einmal nicht schlafen kann, blickt sie aus ihrem
Fenster - und sieht auf der anderen Straßenseite einen geheimnisvollen
Jungen, der zu ihr hochblickt.
In den folgenden Tagen und Wochen begegnet sie ihm häufiger. Doch die Sache ist ausgesprochen mysteriös: Er hat keine Erinnerungen an seine Vergangenheit; er kann sich weder an seinen Namen noch daran erinnern, woher er kommt. Seine Erinnerungen setzen in dem Augenblick ein, als er am Ufer der Elbe nackt zu sich kam. Doch während er sich nicht an sein eigenes Leben erinnern kann, so erinnert er sich doch aus Episoden aus Rebeccas Leben - ihre Einschulung, ihre Reise zu ihrem Vater nach Los Angeles. Woher kennt Lucian - so nennt sich der Junge mittlerweile - diese Abschnitte ihres Lebens? Und es kommt noch besser: Lucian träumt auch von Rebeccas Zukunft, und alle Dinge, die er bisher geträumt hat, sind auch wirklich so eingetreten.
Als beide auch von Rebeccas vermeintlichem Tod träumen, bekommt das Mädchen Angst. Einerseits möchte sie Lucian am liebsten sofort verlassen, andererseits spürt sie eine körperliche und seelische Anziehung, der sie hilflos ausgeliefert ist - sie liebt ihn. Außerdem ist da immer noch die Frage, wer Lucian eigentlich ist.
Es kommt zu einem Unglück, als Rebecca herausfindet, dass Lucian ein Patient ihrer Mutter ist (er weiß jedoch nicht, dass es sich bei seiner Therapeutin um Rebeccas Mutter handelt). Als er dieser immer mehr Ereignisse aus Rebeccas Leben erzählt und auch von ihrem Tod, erkennt Janne, wen sie hier vor sich hat, und schickt ihre Tochter zu Alec nach Los Angeles, eine Entscheidung, an der die jungen Menschen zu zerbrechen drohen.
* * *
Gerade habe ich das Buch aus der Hand gelegt - nachdem ich verzweifelt irgendwo in all den Danksagungen nach mehr Seiten und mehr über Rebecca und Lucian gesucht hatte. Vergebens. In der letzten Zeit habe ich nur wenige Bücher gelesen, die ich regelrecht inhaliert habe und nicht mehr aus der Hand legen wollte. In diesem Falle habe ich alles Stehen und Liegen lassen, um zu erfahren, wer Lucian denn nun ist und ob die Autorin mir ein Happy-End gönnt.
"Lucian" wendet sich zwar an Mädchen ab ca. 14 Jahren, doch die Geschichte ist so gut geschrieben, die Auflösung so ... ungewöhnlich ... dass man auch als älterer Leser das Buch mit Vergnügen verschlingt. Es geht einerseits um Liebe und Freundschaft, andererseits um die Suche nach sich selbst. Dieser feinfühlig geschriebenen Coming-of-Age-Story sind jedoch Mystery-Elemente beigemischt und das Buch ist auch phänomenal gut verfasst, sodass man der Autorin gerne vergibt, dass ihr Buch einen teilweise hohen Taschentuch-Faktor hat. *seufz* Hinzu kommt, dass Abedi sich auch die üblichen "Ich bin in der Pubertät und komme ja gar nicht mit meinen Eltern aus"-Klischees oder irgendeine Form von sozialer Kritik (an was auch immer) spart.
Mein einziger Kritikpunkt (wie oben schon angedeutet): Das Buch endet doch etwas abrupt, und nichts deutet auch nur fünf Seiten vorher darauf hin, dass die Akteure die Entscheidungen fällen, die sie dann am Ende fällen (aber mehr wird nicht verraten). Wenn man überkritisch sein wollte, könnte man auch das Ende als Eimer mit eiskaltem Wasser bezeichnen, den die Autorin dem Leser ins Wasser kippt, nachdem sie atemberaubende Spannung erzeugt hat und der Leser nun atemlos auf der Stuhlkante sitzt und auf die Auflösung der Konflikte wartet.
Mein Fazit: Das Buch ist wirklich wunderschön, aber einfühlsam erzählt! Unbedingt lesen! Und eine Packung Tempos bereithalten.