Ray Bradbury: Die Mars-Chroniken

Bradbury
"Die Mars-Chroniken" ist eine in Romanform gebrachte Sammlung von Kurzgeschichten des amerikanischen Schriftstellers Ray Bradbury. Sie beschreibt eine fiktive Kolonisierung des Planeten Mars zwischen Januar 2030 und Oktober 2057 (Grundlage: überarbeitete Diogenes-Ausgabe 2008).

Zuerst treffen vier Raumfahrer-Crews zu Erkundungsmissionen ein - wobei sie im Grunde aus den unterschiedlichsten (skurrilen) Gründen scheitern, denn die Marsianer wollen gar nicht "erkundet" werden. Doch es kommt, wie es schon so oft in der Geschichte menschlichen Entdeckungsstrebens gekommen ist: Die Entdeckten sterben aufgrund mangelnder Widerstandskraft gegen simple menschliche Erkrankungen und die Überlebenden sind gezwungen, sich vor den Entdeckern zu verbergen, als die ersten Pioniere Fuß zu fassen suchen. Dann wandern auch die zu, die auf der Erde unerwünscht sind oder unterdrückt werden - und schließlich verbringen sogar die Senioren ihren Lebensabend auf dem weit entfernten Planeten. Natürlich sind mittlerweile auch die Bürokraten und all die "Segnungen" der menschlichen Gesetze angekommen.

Der Umbruch kommt, als die terrestrischen Marsbewohner ihre neue Heimat verlassen, um in der alten im Großen Krieg zu kämpfen, als auf der Erde ein Atomkrieg ausbricht. Und am Ende flüchten doch wieder die letzten Überlebenden dieses Krieges auf den Mars, um dort neu anzufangen.

Ray Bradbury zählt zu den bekanntesten und schöpferischsten Schriftstellern Amerikas. Man schätzt, dass er über 500 Kurzgeschichten verfasst hat. Bekanntheit erlangte er vor allem durch die dystopischen Werke "Fahrenheit 451" und "Die Mars-Chroniken", doch wer bei letzteren einen "gewöhnlichen" SciFi-Roman erwartet, wird (angenehm) enttäuscht. Es handelt sich dabei um eine Sammlung (mehr oder weniger abgeschlossener bzw. beendeter) Kurzgeschichten, die sich durch hohe sprachliche und erzählerische Qualitäten und einen unglaublichen Ideenreichtum auszeichnen. Bradbury schickt den Leser aber nicht mit Wharp-Antrieb durch das All, erfindet neue Methoden, wie die Menschheit Aliens umbringt oder schafft neue, ungewöhnliche Welten:

"Wenn all dies zutrifft, wie kommt es dann, dass ,Die Mars-Chroniken' so oft als Science-Fction bezeichnet werden? Die Bezeichnung passt nicht. [...] Ginge es um praktische, technologie-orientierte Science-Fiction, wäre das Buch längst am Straßenrand verrostet. Da es sich jedoch um eine selbstdefinierende Sage handelt, sind selbst die arriviertesten Physiker des California Institute of Technology bereit, die trügerische Sauerstoffatmosphäre zu atmen, die ich dem Mars verpasst habe. [...] Und weil ich Mythen gesschaffen habe, sind meinem Mars vielleicht doch noch einige Jahre unmöglichen Lebens vergönnt." (Vorwort)

Was Bradbury als erschafft, ist genialer: Er schafft zeitlose Mythen. Er hält dem Leser einen Spiegel vor und zeigt ihm die Abgründe des Menschseins in skurrilen, bedrückenden Bildern. (Noch) vorhandene Marsbewohner sind nicht etwa deshalb interessant und relevant, weil sie nun einmal Aliens sind, mit denen es zu interagieren gilt, sondern sie sind eine Spiegelfläche des menschlichen Handelns. Ob es nun die missionierenden Mönche sind, die sich weniger für das Seelenleben der auf dem Mars lebenden Erdbewohner interessieren, sondern vielmehr dafür, ob ein Alien auf einem fremden Planeten wohl auch fremdartige Sünden begeht, gegen die man sich dann auch als Mensch wappnen muss. Oder um die bedrückende Geschichte des Erdenbewohners Hathaway, der sich Frau und drei Kinder in Roboterform nachbaut, weil er ihren Verlust nicht erträgt, aber unglaublich einsam ist mit all seiner Technologie. Oder die beklemmende Geschichte von Walter Gripp, der, als er von seiner Mine zurückkehrt, feststellen muss, dass alle Bewohner des Planeten zur Erde geflogen sind und er allein zurückgeblieben ist. Aber als er dann während des "Abtelefonierens" aller Telefonbuch-Einträge feststellt, dass auch eine Frau namens Genevieve zurück geblieben ist, keimt Hoffnung auf. Doch als er ihr dann gegenübersteht, hat er ein neues Problem: Wie wird man eine Frau los, die man zutiefst abstoßend findet, weil sie fett ist?

Fazit: Absolute Leseempfehlung! Wer sich gerne mit den Abgründe der Seele beschäftigt, mit dem Sehnen und Wünschen und Wollen der Menschen, wer Kurzgeschichten liebt, in denen es (nicht nur) zwischen den Zeilen gruselt, der sollte den "Mars-Chroniken" eine Chance geben! Dieses Buch macht definitiv Lust auf mehr von Ray Bradbury.