
Der gleichförmige Alltag in einem kleinen Ort wird von der
Ankunft der geheimnisvollen Helen Graham unterbrochen, die mit ihrem
kleinen Sohn Arthur in den halbverfallenen Landsitz Wildfell Hall
einzieht. Ihre Nachbarn geben sich alle Mühe, Beziehungen zu
der jungen Frau herzustellen, auch wenn diese sich anfangs dagegen
sträubt. Dennoch entzieht sie sich dem neugierigen Gerede und
weigert sich, ihren neuen Bekannten mehr über sich zu erzählen.
Als sich der junge Gilbert Markham, ein Gutsbesitzer, in Helen verliebt und in sie dringt, ihm doch mehr von sich zu erzählen, gibt sie ihm ihr Tagebuch, wodurch er ihre schreckliche Lebensgeschichte erfährt:
Helen heiratet gegen den Widerstand ihrer Familie und wider besseres Wissen den gutaussehenden Arthur Huntingdon. Bald aber muß sie erkennen, daß seine Grundsätze und Interessen den ihren gänzlich entgegengesetzt sind, ja, daß sie es mit einem haltlosen Menschen zu tun hat, einem Schürzenjäger, einem Trunkenbold, einem Mann, der von seiner Frau in erster Linie Gehorsam und Nachsicht erwartet. Da sie ihn nach wie vor liebt, versucht sie, ihn auf den rechten Weg zurückzubringen. Als sie ihn jedoch in flagranti mit einer Dame ihrer Bekanntschaft erwischt, kommt es zum endgültigen Bruch zwischen Helen und ihrem Mann. Dennoch ist sie zunächst bereit, die Rolle der Ehefrau in der Gesellschaft weiterzuspielen. Sie verläßt ihn aber, als ihre Bemühungen scheitern und sie die Demütigungen nicht mehr ertragen kann, da ihr Mann auch alles tut, um den gemeinsamen Sohn auf seine Seite zu ziehen.
Als Gilbert Markham von dieser Geschichte erfährt, willigt er ein, sich ein wenig von Helen zurückzuziehen, die ihn ebenfalls liebt. Doch dann erfährt die junge Frau, daß ihr Ehemann schwer erkrankt ist, und kehrt zu ihm zurück ...
Der 1848 erschienene Roman "Die Herrin von Wildfell Hall"
ist ein eindringliches Plädoyer für die Rechte der Frau
in Ehe und Gesellschaft. Anne Brontë hat hier ein bis dahin
tabusiertes Thema ins Zentrum einer spannenden Handlung gestellt:
die Unterdrückung der Frau in der Ehe und ihr Anspruch auf
Achtung und Selbstverwirklichung. Und so begegnen dem Leser in diesem
Buch auch die unterschiedlichsten Ehepaare - aber ein Motiv zieht
sich wie ein roter Faden hindurch: Ehen, die ausschließlich
aus finanziellen Gründen oder aus rein emotionalen Gründen
geschlossen werden, sind zum Scheitern verurteilt. Ein gut geschriebenes
Buch, in dem die Autorin für das Selbstbestimmungsrecht der
Frau eintritt - ob nun verheiratet oder nicht -, und das zu einer
Zeit, in der das Idealbild der Frau mit den Begriffen Kinder-Küche-Kirche
beschrieben werden kann.