Während der Weltausstellung im Jahre 1893 in Chicago verschwindet
die 21-jährige Anna Zemeckis, Tochter lettischer Einwanderer,
spurlos. Fünf Wochen später wird eine nahezu unkenntliche
Leiche gefunden, die die Behörden für Anna halten. Der
verzweifelte Vater der jungen Frau, der gezwungen ist, seine tote
Tochter zu identifizieren, setzt Himmel und Hölle in Bewegung,
um herauszufinden, was Anna zugestoßen ist.
Die ehrgeizige Journalistin Emily Strauss, die auf die Story ihres Lebens und eine "Eintrittskarte" in einen der renommiertesten Zeitungsverlage (Joseph Pulitzers World in New York) hofft, bietet Annas Vater ihre Hilfe an. Tatsächlich findet sie schon bald heraus, dass die kaum mehr zu identifizierende Leiche keineswegs Anna ist und dass diese folglich noch am Leben sein muss. Was nun beginnt, ist eine nervenaufreibende Suche, die Emily nicht nur die Unterwelt, sondern noch in weitaus gefährlichere Gefilde führt: Die Straßen Chicagos werden von der mysteriösen Organisation der Meister beherrscht, einer kriminellen Vereinigung, die zu den Schlachthäusern der Stadt gehört, (nicht nur) illegale p0rn0grafische Fotos vertreibt und sich kaltblütig ihrer Gegner entledigt. Die Meister unterhalten auch Beziehungen zu einigen leitenden Mitglieder der OAA ("Old American Association"), einer Vereinigung, die sich wiederum offiziell dem Erhalt der amerikanischen Traditionen und Werte verschrieben hat, inoffiziell aber auch Morde sanktioniert, um ihren Machterhalt zu sichern, und eine psychiatrische Anstalt unterhält, in der der Leiter Dr. Morgan Eels an den Insassen merkwürdige Operationsmethoden erprobt.
Während Emily sich unter Einsatz ihres Lebens auf die Suche nach Anna begibt und den schrecklichen Hintergründen auf die Spur kommt, ist diese auf der Flucht durch Chicago - immer verfolgt von den Meistern und ihren Handlangern, die die unliebsame Zeugin aus dem Weg räumen wollen.
"James Conan" ist das gemeinsame Pseudonym eines Autorenteams: Er ist ein renommierter britischer Schriftsteller und Journalist, der bereits über ein Dutzend erfolgreiche Bücher für Kinder und Erwachsene veröffentlicht hat und heute mit seiner Frau und sechs Kindern in der Nähe von Oxford lebt. Sie ist eine bekannte englische Historikerin und Schauspielerin. Den vorliegenden Roman „Die Stadt der dunklen Herzen“ haben die beiden Autoren gemeinsam verfasst. Der Roman schildert die spannende Handlung in sehr bildhafter Sprache aus der Sicht der beiden Protagonistinnen Emily Strauss und Anna Zemeckis. Es gelingt ihm wunderbar, dem Leser den Schauplatz der Geschichte - die aufstrebende Metropole am Lake Michigan - in allen schönen und vor allem weniger schönen Details vor Augen zu malen. Man meint beinahe, all den Schmutz der Stadt, den Gestank der Müllhaldenm, der Abwasserkanäle und Schlachthöfe sowie die düsteren Ecken der unterschiedlichen Distrikte selbst wahrnehmen zu können.
Die Problematik, dass eine Gesellschaft gezwungen ist, Einwanderer aus aller Welt aufnehmen und zu "assimilieren", wird ebenfalls greifbar und lebensnah beschrieben. Und auch die anderen Themen, die die Autoren streifen - Was ist menschenwürdiges Leben? Umgang mit dem aufstrebenden "Wirtschaftszweig" P0rn0graphie, Korruption u. a. -, werden interessant dargestellt und vervollständigen das Bild einer facettenreichen Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts.
Auch die Figuren sind glaubwürdig, lebendig gestaltet - man leidet und flüchtet und fürchtet sich regelrecht mit. Und allein schon die Tatsache, dass der umfangreiche Roman (mit weit über 600 Seiten) die Ereignisse von nur 12 Tagen schildert, weist darauf hin, dass die Geschichte auch entsprechend rasant verfasst wurde. Doch aus irgendeinem - mir unerfindlichen - Grund wurde ich nicht wirklich "warm" mit der Geschichte. Vielleicht hatte ich das Gefühl, dass die Autoren zu viel thematisieren wollten, denn die Geschichte hat doch einige kleinere Längen, während der Handlungsstrang um Dr. Eeals und seine entsetzlichen wissenschaftlichen Experimente nach Annas Flucht aus der Anstalt keinerlei Rolle mehr spielt - und die Handlung im Grunde auch ohne diesen Aspekt ausgekommen wäre. Oder dass es über die Krimihandlung hinaus keine "persönliche" Geschichte von Emily gibt.
Fazit: Definitiv eine Empfehlung! Für alle Fans von Autoren wie James McGee, Caleb Carr und Co.