P. N. Elrod: Der rote Tod

Elrod
Das Leben in den nordamerikanischen Kolonien des ausgehenden 18. Jahrhunderts ist alles andere als leicht: Der Freiheitskrieg gegen das Mutterland Großbritannien ist in seine heiße Phase getreten und in vielen Gebieten herrschen Krankheit und Armut. Jonathan Barrett ist von alldem bisher verschont geblieben. Er ist geradezu idyllisch auf Long Island aufgewachsen, mit einem verständnisvollen Vater und einer liebenden Schwester. Erst die Rückkehr seiner Mutter, die vor 15 Jahren die Familie verlassen hatte, setzt dem friedlichen Zusammenleben ein Ende. Sie entpuppt sich als psychopathischer Hausdrache und setzt sogar durch, dass Jonathan zum Jura-Studium nach Cambridge in England und nicht auf das nahe gelegene Harvard College geschickt wird. Wie sich herausstellt, ist das britische Cambridge jedoch nicht nur ein verschlafenes Nest, in dem alternde Gelehrte hilflose Studenten malträtieren.

Als Jonathan die gutaussehende Nora Jones kennenlernt, erlebt er Abenteuer der romantischen wie der blutigen Sorte, und als er schließlich nach Nordamerika zurückkehrt, ist er drei Jahre später sein Studium vorzeitig abbrechen muß, um in das krisengeschüttelte Amerika zurückzukehren, ist er ein anderer Mensch.

In den Kolonien haben die Unruhen der Royalisten gegen die Freiheitskämpfer auch sein verschlafenes County erreicht, und als er zusammen mit einigen Rotröcken Pferdediebe jagt, wird er von einem von ihnen erschossen - und erwacht am darauffolgenden Tag in einem Sarg auf dem Friedhof. Er kehrt in sein Elternhaus zurück, merkt aber, daß er sich verändert hat - die Schußwunde ist verheilt, er verträgt keine Nahrungsmittel mehr, sondern ist auf Blut angewiesen, das Tageslicht kann er nicht ertragen, und nach Sonnenaufgang fällt er in einen todesähnlichen Schlaf. Jonathan weiht seine Schwester Elizabeth, seinen Vater sowie seinen Diener Jericho in sein Geheimnis ein, doch die übrigen Familienmitglieder, seine Bekannten und die Rotröcke dazuzubringen, seine Ermordung und Beerdigung zu vergessen, ist gar nicht so einfach. Doch mit seiner Verwandlung zum Blutsauger gehen auch einige "Vorteile" einher ...


"Der rote Tod" ist kurzweilige historisch angehauchte Vampir-Fantasy, die zu keiner Zeit langweilig wird oder oberflächlich wirkt. Die Autorin P. N. Elrod legt viel Wert auf die Entwicklung Barretts zum Vampir, seine Gefühle und Ängste, mit seinen neuen Fähigkeiten umzugehen, mit anderen Worten: auf die Charakterentwicklung der Hauptfigur. Barrett fällt in die Kategorie der "positiven" sensiblen Vampire, wie man sie auch bei Anne Rice findet, die im Grunde zu sehr an ihrer Menschlichkeit hängen, als daß sie ihre "Nahrungsquelle" verletzen wollen. Die Beschreibung der Orte und Ereignisse kommt meiner Ansicht dabei ein bißchen zu kurz und fällt leider nicht ganz so plastisch aus. Selten bemüht sich die Autorin um die Beschreibung von Kleidung oder Gebäuden und Umgebungen, aber dennoch kann man sich ansatzweise vorstellen, wie die Gebräuche und Sitten um 1776 in Amerika und in England waren (interessanterweise faszinieren die damals üblichen Perücken die Autorin so stark, daß man darüber mehr erfährt als über die Kleidung der Frauen bspw.). Auch die Geringschätzung, mit der die Engländer ihrer amerikanischen Kolonie gegenüberstehen, und der "Patriotismus" der Kolonialisten wird sehr schön herausgearbeitet, so daß die Unabhängigkeitsbestrebungen für den Leser um so verständlicher werden.

Aber das Amüsanteste ist wohl, daß das Wort "Vampir" im gesamten Roman nicht ein einziges Mal vorkommt; lediglich das Wort "Blutsauger" wird einmal erwähnt. Und das, obwohl die vampirischen Klischees zu Hauf auftauchen.