Elizabeth Gaskell: North and South

Elrod
Die junge Margaret Hale kehrt nach einigen Jahren, die sie in London bei einer Tante verbracht hat, zu ihren Eltern in das ländliche Helstone nach Südengland zurück. Während sie noch dabei ist, die Beziehung vor allem zu ihrer Mutter zu vertiefen, macht ihr der Vater - ein Pfarrer - eine schockierende Eröffnung: Er hat ernsthafte Zweifel am Glauben und beschlossen, seine Stellung zu kündigen, um als Lehrer in die Industriestadt Milton zu gehen.

Margaret ist über diese Entscheidung zutiefst unglücklich, aber bereit, sich mit der neuen Situation auseinanderzusetzen. Sie knüpft bald Kontakt zu Bessy Higgins, der Tochter eines Fabrikarbeiters, die durch ihre Arbeit totkrank ist und einige Zeit später stirbt. Nicholas Higgins ist Gewerkschaftsmitglied und einer der Leiter des örtlichen Streikes, der einige Zeit nach der Ankunft der Hales ausbricht. Er versucht, ihr die Gründe für den Streik der Arbeiter zu vermitteln - aber durch John Thornton, einen Fabrikbesitzer, der ein Schüler von Mr. Hale ist, kennt Margaret auch die Sichtweise der Gegenseite.

Wenn Margaret auch durch den Schüler ihres Vaters ein wenig Verständnis für die "Master" hat, so verabscheut sie Thornton dennoch zutiefst, hält sie ihn doch für einen seelenlosen Kapitalisten, der sich nicht für das Wohlergehen seiner Arbeiter, sondern nur für den Profit und seine Macht interessiert. Als der Streik eskaliert, weil Thornton Hilfskräfte aus Irland geholt hat, stellt sich Margaret trotz allem schützend vor ihn und wird von einem Stein getroffen, der eigentlich für den Fabrikbesitzer gedacht war. Thornton schließt daraufhin, daß Margaret ihn liebt - liebt er sie doch schon seit dem ersten Augenblick. Doch als er ihr einen Heiratsantrag macht, weist sie ihn empört zurück und behauptet, daß sie dies für jeden getan hätte.

Einige Zeit später kommt es zu einem zweiten Bruch zwischen den beiden. Margarets Mutter hat im Gegensatz zu ihrer Tochter nie den Versuch unternommen, sich mit der neuen Situation abzufinden. Sie erkrankt schon kurz nach der Ankunft in Milton und stirbt einige Monate später. Kurz vor ihrem Tod erhält sie im geheimen noch Besuch von ihrem Sohn Frederick. Dieser wird von den britischen Behörden gesucht, weil man ihm zu Unrecht vorwirft, er habe eine Meuterei auf einem Kriegsschiff angeführt. Auf einen Brief von Margaret hin verläßt er das schützende Spanien und verabschiedet sich am Todesbett von seiner Mutter. Als Margaret ihn wenig später zum Bahnhof bringt, da die Familie befürchtet, daß man Frederick verhaften wird, kommt es zu einer verhängnisvollen Begegnung mit Thornton, der Frederick und Margaret in enger Umarmung sieht und annimmt, daß sie einen Liebhaber hat. Darüber hinaus wird Frederick von einem ehemaligen Schiffskameraden entdeckt, der nach einer kurzen Auseinandersetzung unglücklich stürzt und wenig später stirbt. Die Behörden befragen Margaret, die ein Zeuge am Bahnhof gesehen haben will, doch diese leugnet, am Tatort gewesen zu sein. Thornton, der als Magistrat die Untersuchung leitet, erfährt von Margarets Lügen, ist aber dennoch bereit, sie zu decken und die Ermittlungen einzustellen.

Einige Wochen später stirbt auch Mr. Hale, und Margaret verläßt Milton endgültig, um nach London zu ihrer Tante zu ziehen. Als ihr Patenonkel Mr. Bell, der auch der Besitzer der Räumlichkeiten ist, in denen sich Thorntons Fabrik befindet, stirbt, erbt Margaret ein großes Vermögen - das sie Thornton anbietet, als dieser aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation Bankrott geht ... Zu diesem Zeitpunkt haben beide gelernt, ihre jeweilige Position zu hinterfragen.

Der 1855 veröffentlichte Roman "North and South" zählt heute zu den bekanntesten und besten Werken von Elizabeth Gaskell. Nicht zuletzt durch die 2004 ausgestrahlte gleichnamige BBC-Verfilmung erfreut sich der Roman wieder großer Beliebtheit und gilt als "Pride and Prejudice" des Industriezeitalters (vor allem auch vor dem Hintergrund, daß die BBC ebenfalls eine kongeniale Verfilmung dieses Jane-Austen-Romans angefertigt hat). Leider gibt es den Roman nicht auf Deutsch, was das Lesen etwas erschwert, ist er doch im Englisch des 19. Jahrhunderts geschrieben und enthält zahllose Dialoge, die in der Umgangssprache der Unterschicht Nordenglands gehalten sind. Doch trotz seiner über 500 Seiten ist er keineswegs mühsam oder langweilig zu lesen.

Die Autorin schildert glaubwürdige Charaktere - selbst Nebenfiguren malt sie mit sehr viel Liebe. Gaskell eröffnet dem Leser nicht nur Einblick in Margarets Seelenleben, sondern schildert auch das ihres Gegenübers John Thornton, sehr detailliert und nachvollziehbar, was für eine Autorin ja zu dieser Zeit nicht selbstverständlich war. Auch die industriellen Probleme und Chancen schildert sie sehr anschaulich. Sie wirbt für beide Seiten - die Herren und die Arbeiter - und vermittelt viel Hintergrundwissen über die Gewerkschaft in den Anfangsjahren der Industrialisierung.