
Die bis zum Ende namenlos bleibende Erzählerin findet in der Bibliothek
ihres Vaters, des Historikers und Diplomaten Paul, ein uraltes Buch
mit einem Drachen und eine Reihe rätselhafter Briefe, die an "meinen
lieben und bedauernswerten Nachfolger" adressiert sind. Als
sie ihren Vater darauf anspricht, erzählt dieser ihr - nach einer
Warnung! - eine ebenso unglaubliche wie schreckliche Geschichte:
Die Briefe stammen von seinem ehemaligen Mentor Professor Rossi,
der vor etwa 20 Jahren nach dem Erhalt eines Drachenbuches Nachforschungen
über den berüchtigten rumänischen Fürsten Vlad der Pfähler angestellt
hat - jener historischen Figur, die als Vorbild für Dracula diente.
Rossi hatte damals eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Vieles
wies darauf hin, dass Vlad noch immer am Leben sein könnte. Doch
bei dem Versuch, Vlads wahres Grab zu finden, verschwand der Professor
auf mysteriöse Weise spurlos.
Gemeinsam mit Rossis Tochter Helen begab sich daraufhin Paul auf die Suche nach seinem Mentor und nahm damit zugleich dessen Vermächtnis auf: Licht in die Legende um den grausamen Fürsten zu bringen. Auch die beiden jungen Leute stießen immer wieder auf gefährliche Verfolger und geheimnisvolle Hinweise, während sie durch Klöster und Bibliotheken Ost- und Südeuropas reisten - immer auf der Suche nach Dracula und Rossi. Und dabei fanden sie eine ganze Reihe von Verbündeten, denn die alten Feinde Draculas waren im Untergrund immer noch aktiv - und Rossi und Paul waren auch nicht die einzigen Forscher, die das geheimnisvolle Buch des Drachen erhalten hatten.
Weitere 20 Jahre später scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Auch die Erzählerin beginnt nach dem Fund des Buches eigene Recherchen, wobei sie rasch feststellt, daß sie damit Verfolger auf ihre Spur bringt, die bereit sind, für das Geheimnis zu töten. Als ihr Vater Paul jedoch auf mysteriöse Weise verschwindet, begibt sich die Erzählerin auf die Suche nach ihm – und nach der Wahrheit hinter dem Mythos Dracula. Und sie wird mehr finden, als sie jemals geahnt hat.
Wie in Stokers Romanvorlage "Dracula"so entfaltet sich auch die Handlung in "Der Historiker" in Form von Briefen, Archivmaterial und anderen Dokumenten und nur in zweiter Linie in Form einer tatsächlich erzählten Handlung. Doch nicht nur dies fordert die Aufmerksamkeit und das Durchhaltevermögen des Lesers (abgesehen davon, daß der Roman ja mit weit über 800 Seiten sehr umfangreich ist): Der Roman wechselt darüber hinaus zwischen drei Zeitebenen - den 30er, 50er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts -, in denen die Suche nach Dracula stets wie ein Leitmotiv die Handlung bestimmt. Mit enormem erzählerischem Geschick gelingt es Elizabeth Kostova, die einzelnen Handlungsstränge miteinander zu verknüpfen. Dabei geht es ihr keineswegs darum, einen nervenaufreibenden Thriller oder Horrorroman zu schreiben. Auf bluttriefende Szenen wartet man in "Der Historiker" vergebens. Vielmehr ergibt sich die subtile Spannung dieses Romans aus den historischen Enthüllungen, die Kostova mit großem Rechercheaufwand untermauert, sowie den sich andeutenden Gefahren und Unerklärlichkeiten: Auf welche Weise tauchen immer wieder die mysteriösen Drachen-Bücher auf den Schreibtischen der Wissenschaftler auf? Könnte es sein, daß Dracula auch heute noch lebt, wo sich doch die Spuren des/der Untoten durch die Geschichtsschreibung ganz Europas zieht? Kostova verwischt dabei meisterhaft die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion - bleibt der Leser doch bis zum Schluß im Dunkeln darüber, ob die Autorin die Gegebenheiten, die sehr detailliert geschildert werden, tatsächlich recherchiert hat oder ob diese nur das Produkt ihrer Fantasie sind.
Wer unterhaltsame, blutrünstige Vampirromane sucht, sollte lieber zu Anne Rice, Laurell K. Hamilton, Charlaine Harris und Co. greifen. Wer einen langsamen, aber keineswegs langweiligen Vampirroman für lange, gemütliche Abende sucht, in dem der Horror eher unterschwellig vermittelt wird, wer bereit ist, die Action zugunsten einer guten Erzählung mit Tiefgang und Liebe zur Wissenschaft und der wißbegierigen Natur des Menschen zurückzustellen, sollte zu "Der Historiker" greifen!
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