
Erst sieht das Ganze nach einem bösen Scherz aus: Als der Moskauer
Kirill Maximow eines Abends nach Hause kommt, trifft er in seiner
Wohnung eine ihm völlig unbekannte Frau, die behauptet, dass
sie schon seit Jahren dort lebe. Doch damit nicht genug: Auch an
seinem Arbeitsplatz ist Kirill niemandem bekannt, ja sogar seine
Nachbarn, Freunde und seine Familie können sich nicht mehr
an ihn erinnern, und selbst all seine Papiere lösen sich in
Staub auf - als hätte es ihn nie gegeben.
Was ist geschehen? Und aus welchem Grund?
Als Kirill in seiner Verzweiflung seine "Nachmieterin" konfrontiert, bringt sich diese vor seinen Augen um. Eine geheimnisvolle Botschaft führt Kirill schließlich zu einem alten Wasserturm, der fünf Ausgänge bzw. Fenster in unterschiedliche Richtungen hat und sich über Nacht immer mehr verändert und verjüngt. Kirill erfährt schließlich, dass er ein sogenannter Funktional ist, ein Zöllner, der am Tor zu unterschiedlichen Welten lebt und von Durchreisenden Zoll verlangen darf.
Voller Begeisterung und Neugier erforscht er die alternativen Versionen der "Erde" und lernt immer mehr andere Funktionale kennen, die dort andere Positionen innehaben, aber an ihrem jeweiligen Platz besondere Fähigkeiten besitzen, die sie (wie ihn) nahezu unbesiegbar machen.
Doch wer entscheidet darüber, welche Menschen Funktionale werden? Aus welchem Grund? Und was hat es mit "Erde-1" auf sich?
Bei "Weltengänger" handelt es sich um den ersten Band eines neuen Zweiteilers des russischen Bestsellerautors Sergej Lukianenko; der zweite Teil "Weltenträumer" erscheint im Herbst 2008 auf Deutsch. Die Grundidee des Romans - ein Gebäude als Tor zu anderen Welten - ähnelt der des Buches "Spektrum", erfüllt aber eine etwas andere Funktion. Während es in Spektrum um andere Welten bzw. philosophische Konzepte ging, handelt es sich bei den unterschiedlichen Versionen der Erde um Gesellschaften in unterschieldlichen soziokulturellen Stadien - es gibt z. B. die wissenschaft-technologische Gesellschaft der (vermeintlich) realen Erde, es gibt die Gefängnis/Paradies-Version, in der alle Menschen permanent high sind und nur ihre grundsätzlichen Bedürfnisse verfolgen, oder auch die technologie-freie Fassung, in der die Zustände noch an die vorindustrielle Zeit erinnern.
Dennoch erfüllen diese unterschiedlichen Versionen der Erde für den Autor eine Funktion: Er reflektiert den gegenwärtigen Zustand Russlands - mal mehr, mal weniger ernst. Daher auch immer wieder Anspielungen auf die Popkultur oder geschichtliche Ereignisse und Personen.
Einziger Negativpunkt: Im Grunde bleibt nach dem Lesen des Romans das Gefühl zurück, dass man es hier zunächst einmal mit einer Exposition zu tun hat - der Held besucht eine Welt nach der anderen, hat eine Reihe von Aha-Erlebnissen, aber gerade, als sich die Wahrheit abzeichnet, überschlagen sich die Ereignisse, und das Buch endet.
Noch ein amüsanter Aspekt: Während Kirill noch auf der Suche nach dem Grund für die Veränderungen sucht, trifft er sich mit dem (fiktiven) SF-Autor Melnikow. Und dieser schildert ihm - auf der Grundlage der Werke real existierender SF-Größen -, wer wohl für seinen Zustand verantwortlich sein könnte und was den Ereignissen wohl zugrunde liegt: Außerirdische oder Götter? Oder ist er vielleicht er Antiheld einer fiktiven Geschichte, der die üblichen Prüfungen bestehen muss und sich als Held entpuppt?