Walter Moers - Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär


"Ein Blaubär hat siebenundzwanzig Leben. Dreizehneinhalb davon werde ich in diesem Buch preisgeben, über die anderen werde ich schweigen. Ein Bär muß seine dunklen Seiten haben, das macht ihn attraktiv und mysteriös.

Man fragt mich oft, wie es früher war. Dann antworte ich: Früher gab es von allem viel mehr. Ja, es gab Inseln, geheimnisvolle Königreiche und ganze Kontinente, die heute verschwunden sind - überspült von den Wellen, versunken im ewigen Ozean. Denn die Meere steigen immer höher, sehr langsam, aber unerbittlich, bis eines Tages unser ganzer Planet von Wasser bedeckt sein wird – nicht umsonst steht mein Haus auf einer hohen Klippe, und nicht umsonst ist es ein immer noch seetüchtiges Schiff. Von diesen Inseln und Ländern will ich erzählen, und von den Wesen und Wundern, die mit ihnen versunken sind.

Ich müßte lügen (und es ist ja hinlänglich bekannt, daß das nicht meiner Natur entspricht), wenn ich behaupten würde, meine ersten dreizehneinhalb Leben wären ereignislos verlaufen. Ich sage nur: Zwergpiraten. Klabautergeister. Waldspinnenhexen. Tratschwellen. Stollentrolle. Finsterbergmaden. Eine Berghutze. Ein Riese ohne Kopf. Ein Kopf ohne Reise. Wüstengimpel. Eine gefangene Fata Morgana. Schlafwandelnde Yetis. Ein ewiger Tornado. Rikschadämonen. Vampire mit schlechten Absichten. Ein Prinz aus einer anderen Dimension. Ein Professor mit sieben Gehirnen. Eine Süße Wüste. Barbaren ohne Umgangsformen. Hundlinge. Ein Regenwaldzwerg mit Nahkampfausbildung. Denkender Sand. Fliegende Maulwürfe. Ein Monsterschiff. Eine Ofenhölle. Eine kulinarische Insel. Unterirdische Sandmänner. Kanaldrachen. Dramatische Lügenduelle. Dimensionslöcher. Voltigorkische Baßrüttler. Randalierende Bergzwerge. Die Unsichtbaren Leute. Nattifftoffen. Viereckige Sandstürme. Venedigermännlein. Nette Midgardschlangen. Eklige Kakertratten. Das Tal der verworfenen Ideen. Witschweine. Großfüßige Berten. Rosige Berge. Horchlöffelchen. Zeitschnecken. Teufelselfchen. Alraunen. Olfaktillen. Ein Malmström. Draks. Fatome. Gennf. Tödliche Gefahren. Ewige Liebe. Rettungen in allerletzer Sekunde ..."
(S. 6-7)

Mit diesen Worten beginnt das Buch "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär", und was dann folgt, ist ein wahres Feuerwerk an verrückten, spannenden, abwegigen, witzigen, traurigen ... Schilderungen der Abenteuer des blauben Bären, von dem niemand weiß, woher er eigentlich wirklich kommt.  Die Geschichten sind innovativ und verrückt. Die Figuren und Ereignisse, die beschrieben werden (z. B. zwei Tratschwellen, die dem Blaubär aus lauter Langeweile das Sprechen beibringen; der Rettungssaurier, die Menschen aus allerhöchster Not rettet; die Feinschmeckerinsel, die eigentlich ein gigantisches Lebewesen ist, das seine Opfer zuerst mästet und dann frißt; der Schadrach il Allah - ein Tornado in Ziegelform), sind mehr als außergewöhnlich. Moers erschafft neue Wortgebilde, die jeden Autoren neidisch machen: der Prinz aus einer anderen Dimension, für dessen Namen die Buchstaben auf der oberen Reihe der Tastatur herhalten mußten (Qwert Zuiopü), die unerreichbare Stadt Anagrom Ataf (rückwärtsgelesen Fata Morgana) oder der Rettungssaurier, der bezeichnenderweise den Namen Deus X. Machina trägt (ein Begriff aus der Literaturwissenschaft). Das Ganze ist dann eine Mischung aus Märchen, Fantasy, Science Fiction, Abenteuerroman und einer großen Portion Gesellschaftskritik, von dem Bären mit einigen tiefsinnigen Sprüchen kommentiert wie: "Es gibt Augenblicke im Leben, in denen man überzeugt ist, daß sich das gesamte Universum in irgendeinem schummrigen Hinterzimmer getroffen und beschlossen hat, sich gegen einen zu verschwören."

Obwohl das Buch großartig geschrieben ist, hat es mich relativ kalt gelesen und nicht wirklich über einen längeren Zeitraum gefesselt. Man verfolgt keinen "echten" Roman mit einem traditionellen Spannungs- bzw. Handlungsbogen, sondern wird mit einer endlichen Anzahl von Kurzgeschichten konfrontiert, die man immer mal wieder hervorkramen kann, ohne wirklich den Anschluß der Handlung zu verlieren. Obwohl es eigentlich für Erwachsene geschrieben wurde, werden aber auch Kindern ihren Spaß an dem Buch haben.