Audrey Niffenegger: Die Frau des Zeitreisenden

Elrod
Leidenschaftlicher und tiefer könnte eine Liebe nicht sein, als die zwischen Henry De Tamble und Clare Abshire. Als sie ihn zum ersten Mal trifft, ist er 28, sie 20. Sie verliebt sich auf der Stelle in ihn, im festen Glauben, Henry schon ewig zu kennen. Was als Liebesfloskel reichlich abgenutzt klingt, trifft bei diesem seltsamen Paar den Nagel auf den Kopf. Tatsächlich kennt Clare ihren Zukünftigen schon seit ihrem sechsten Lebensjahr - und zu diesem Zeitpunkt ist Henry schon lange mit ihr verheiratet. Verwirrend? Nicht, wenn man die Umstände kennt, die diese Beziehung zu etwas Besonderem machen. Der recht sprunghafte Henry leidet nämlich am sogenannten "Chrono-Syndrom". In entscheidenden Momenten neigt er dazu, urplötzlich zu verschwinden, um an anderer Stelle in Zeit und Raum unvermittelt wieder aufzutauchen. Henry De Tamble ist ein Zeitreisender!

Und so ist es dann auch für Clare keine Überraschung, als sie Henry im Alter von 20 Jahren in einer Chicagoer Bibliothek trifft - während es für Henry das erste Mal ist, denn die Reisen in der Vergangenheit, bei denen er Clare aus seiner Perspektive kennengelernt hat, haben noch nicht einmal stattgefunden. Die beiden verlieben sich sofort ineinander - was in Anbetracht ihrer gemeinsamen "Geschichte" auch gar nicht verwunderlich ist, weiß Clare doch schon seit Jahren, daß Henry ihr Ehemann werden wird. Die beiden heiraten, kaufen gemeinsam ein Haus und versuchen jahrelang, ein Kind zu bekommen, was jedoch aufgrund von Henrys Krankheit nicht klappt. Doch das ist nicht die einzige Schwierigkeit, mit der Henry und Clare zu kämpfen haben. In den folgenden Jahren wacht Clare unzählige Male auf und muß feststellen, daß ihr Mann wieder einmal in die Vergangenheit oder die Zukunft verschwunden ist. Oder er "reist" während seiner Arbeitszeit - und läßt dabei jedesmal seine Kleidung zurück, denn gleichgültig, wohin er auch reist: Er tut dies immer splitternackt und ohne irgendwelche Besitztümer mitzunehmen. Dies führt dazu, daß Henry schon sehr früh lernen muß, Schlösser zu knacken oder Menschen zu berauben, um sich neue Kleidung zu "organisieren". Doch das Schlimmste: Henry weiß aufgrund seiner Zeitreisen auch, wann er sterben wird.

"Die Frau des Zeitreisenden" ist mit Sicherheit eine der ungewöhnlichsten, wenn auch nicht packendsten oder schönsten Liebesgeschichten, die ich je gelesen habe. Man möchte sogar zögern, sie als reine Liebesgeschichte zu bezeichnen, denn mit einem Roman von Gabaldon, Pilcher oder anderen "typischen" Autorinnen von Liebesgeschichten hat man es hier nicht zu tun. Im Grunde handelt es sich auch nicht um eine echte SciFi-Geschichte, da wissenschaftlich-technologische oder sozialkritische Aspekte fehlen. Auch wenn die Geschichte im Grunde streckenweise nahezu chronologisch erzählt wird, erschweren Henrys ständige Zeitreisen den Lesefluß. Daß der Leser aber nie den roten Faden verliert, spricht für Audrey Niffeneggers erzählerische Fähigkeiten, die dafür sorgen, daß man der Handlung immer folgen kann. Darüber hinaus spickt die Autorin die Handlung auch mit Hinweisen auf die zeitgenössische Kultur und Ereignisse, wobei sie die Möglichkeiten dieses Elements nicht einmal ansatzweise ausschöpft - eine anfänglich lapidar eingestreute Anmerkung von Henry, daß er festgestellt habe, daß er nicht die Macht habe, etwas zu ändern, ist nicht überzeugend, denn es gelingt ihm ja ständig, sein Privatleben durch sein Wissen zu beeinflussen.

Der einzige bittere Nebengeschmack war für mich das übliche Paradoxon von Zeitreisen: Haben sich die beiden nun ineinander verliebt, weil sie dazu bestimmt waren oder weil Henry schon bei der kleinen Clare angedeutet hat, daß sie in der Zukunft ein Paar werden? Für beide Protagonisten gibt es ja einen anderen möglichen Partner, von dem sich beide nur aus dem Grund trennen, weil sie wissen, daß sie später heiraten werden. Wäre also auch eine andere Zukunft möglich gewesen?