
Quoyle ist mit seinen 36 Jahren ganz unten angelangt: mittelmäßig
bis erfolglos mit allem, was er beginnt. Er ist groß, dick,
unbeholfen, schüchtern und unfähig zu allem - so redet
er es sich selbst, so reden es ihm die anderen ein.
Auf eine glühende Liebesaffäre mit der jungen, lebenslustigen Petal folgen sechs trostlose Ehejahre mit dieser notorisch untreuen Frau. Als sie bei einem Autounfall stirbt, bleibt Quoyle mit den beiden Töchtern Sunshine und Bunny rat- und hilflos zurück. Er fühlt sich verraten, verloren und ohne jede Perspektive. In dieser Situation taucht seine Tante auf und überredet ihn, im Heimatland der Familie ein neues Leben zu beginnen. An der rauhen, spräden und schönen Küste Neufundlands versuchen die vom Pech verfolgten Familienmitgleider einen Neuanfang. Es gelingt ihnen trotz der widrigen Umstände, in dieser abweisenden - normal sind sintflutartige Regenfälle und beißende Winde - und zugleich faszinierenden Landschaft Fuß zu fassen.
Quoyle arbeite beim Gammy Bird, einem Lokalblatt, das auf Autounfälle und sexuellen Mißbrauch spezialisiert ist, und betreut dort die Schiffsmeldungen sowie die Autounfälle - obwohl er sich seit seiner Kindheit vor dem Wasser fürchtetund seine Frau bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist -, die er schließlich zu einer eigenständigen Rubrik ausbaut. Neben Quoyle arbeiten dort noch drei weitere "seltsame" Gestalten, die genau die Bereiche betreuen, vor denen sie sich am meisten fürchten: der alte, unverheiratete Billy Pretty, der die Rubrik "Heim und Herd" betreut; der Brite Nutbeem, der vor einem Jahr an der unwirtlichen Küste Neufundlands Schiffbruch erlitten hat und immer noch da ist, betreut die Auslandsmeldungen sowie die Berichte über sexuellen Mißbrauch; der Chefredakteur Tert Card betreut die fiktiven Anzeigen.
Im Laufe eines eisigen Winter lernen die Quoyles nicht nur die
kulinarischen Spezialitäten der Gegend kennen, sondern auch
die Geschichten und Geheimnisse der neuen Nachbarn, von denen manche
zu Freunden werden. Vor allem Wavey, die einen behinderten Sohn
hat und Witwe ist, seit ihr Mann beim Fischen ums Leben kam.
Der amerikanischen Autorin E. Annie Proulx gelang mit dem 1993 erschienenen Buch "Schiffsmeldungen" der literarische Durchbruch, für den sie mit allen wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde (u. a. mit dem Pulitzerpreis). Während wir von Forrest Gump gelernt haben, daß das Leben wie eine Pralinenschachtel ist, bei der man nie weiß, was man bekommt, erfahren wir in "Schiffsmeldungen", daß die Liebe wie eine Tüte gemischter Bonbons ist, die herumgereicht wird und aus der man sich mehr als einmal bedienen darf: Manche brennen vielleicht auf der Zunge, anderen erinnern an Nachtlduft. Manche sind innen gallebitter, manche vermischen Honig mit Gift, manche sind schnell hinuntergeschluckt. Und zwischen den gewöhnlichen Lakritz- und Pfefferminzbonbons befinden sich ein paar seltene; eines oder zwei mit tödlichen Nadeln im Herzen, ein anderes, das Ruhe und sanfte Lust bringt. Die Autorin erzählt die zum Teil schrecklichen Lebensgeschichten und Erlebnisse auf eine unsentimentale und doch liebevolle, fast beiläufige Weise. Nicht, daß sie dadurch weniger schrecklich sind, aber vermutlich ist das die Art, wie die Menschen dort das Leben sehen - und Unglücke und Todesfälle sind nun einmal untrennbare Bestandteile des Lebens. Unterstützt wird dies durch die sparsame, schroffe Erzählweise, die ebenfalls das Wesen der dortigen Menschen widerspiegelt, so daß man am Ende Neufundland beinahe selbst liebt, obwohl es dort ständig kalt ist, regnet oder schneit.
Interessant ist ebenfalls, dass alle Kapitel mit einem Auszug aus einem altmodischen Buch über Schifferknoten bzw. aus einem Schiffslexikon beginnen. Die Handlung entwickelt sich anhand dieser Knoten und Stichworte, und das gibt dem Roman eine besonders stimmige und teilweise auch abergläubige Atmosphäre, denn es geht um die See, das Fischen, den Schiffsbau und das Leben von Küstenbewohnern.
Ein Buch ohne besondere Höhepunkte - aber welches Leben ist schon so wie ein Abenteuerroman, und wer nimmt schon die wirklichen Höhen des Lebens war, während sie geschehen?