
"Die Königin der Verdammten"
ist das dritte Buch aus der "Chronik der Vampire" von Anne Rice.
In vieler Hinsicht erneuert es noch das Konzept von "Der Fürst
der Finsternis". Obwohl der Titel eine weibliche Heldin suggeriert,
ist es Lestat natürlich nicht möglich, ganz von der Bildfläche
zu verschwinden. Er ist wieder die Figur, die die verschiedenen
Handlungsstränge zusammenführt. Erinnern wir uns noch
an das Ende von "Der Fürst der Finsternis": Es war recht unerwartet
und plötzlich, ein klassischer Cliffhanger. Lestat hatte so
eben sein Konzert in San Francisco beendet und verließ den
Schauplatz etwas überstürzt - etwas oder jemand folgte
ihm, zog ihn aus seinen Wagen und nahm ihn mit sich. Was nun?
fragte sich der Leser wohl, nachdem er die letzte Seite beendet
hatte.
"Die Königin der Verdammten" wird auf diese Frage eine Antwort
geben, allerdings läßt sich das Buch damit Zeit. Anne
Rice ist viel zu sehr darauf bedacht, die Spannung aufrechtzuerhalten,
als daß sie alle Geheimnisse schon im ersten Kapitel enthüllen
würde. Schon die große Anzahl der Erzähler und Erzählperspektiven
weist darauf hin, daß die Handlung wie ein Puzzle aufgebaut
ist. Lestat entschuldigt sich schon im Prolog beim Leser, weil er
ihn nicht immer durch die Handlung führen wird. Er tut gut
daran, sich zu entschuldigen, denn man vermißt ihn schmerzlich.
Im ersten Teil des Buches bekommt man ihn überhaupt nicht zu
"Gesicht". Mehr noch: Die Handlung springt zurück zu der Zeit
vor Lestats Konzert. Es werden zahlreiche neue Charaktere eingeführt,
die alle etwas gemeinsam haben: Sie wollen Lestats Konzert auf keinen
Fall verpassen. Einige sind schlichtweg neugierig, andere wollen
sehen, ob sich die alten Vampire ins Geschehen einmischen werden,
und wieder andere wollen Lestat auf der Bühne als Verräter
töten.
Mit dem Ende des ersten Teils betritt auch Lestat wieder den Schauplatz
des Geschehens, und die "eigentliche" Handlung kann beginnen - unterbrochen
von Flashbacks und Träumen zweier rothaariger Zwillinge, die
ihren Platz im Roman viel später finden.
Die Handlung ist schnell erzählt: Lestat hat mit seiner Musik
Akasha - die uralte "Mutter" aller Vampire - aus ihrem Schlaf erweckt.
Nun hat diese sich in den Kopf gesetzt, eine Herrschaft der Frauen
durchzusetzen. Dazu bringt sie alle Männer, die ihr in den
Weg kommen, gnadenlos um - angefangen bei ihrem Ehemann - und verlangt
von den Frauen, sie kultisch zu verehren. Lestat ist auf der einen
Seite so fasziniert von Akasha und ihrer Macht, wie er es immer
war. Auf der anderen Seite wecken ihre ultrafeministische Einstellung
und ihre unbeschreibliche Grausamkeit langsam sein moralisches Empfinden.
Als am Ende alle Charaktere zum Showdown zusammenkommen, wird zwar
Akascha besiegt, doch die Vampirmythologie ist wieder um einige
Geschcihten reicher geworden.
Und das ist auch schon das Anliegen des Buches. In "Der Fürst
der Finsternis" werden Akasha und Enkil (ihr Mann) als die ersten
Vampire eingeführt - Jene Die Bewahrt Werden Müssen. In
diesem Roman bekommt dieses Geschichte ein Fundament und dadurch
mehr Tiefe. Obwohl die verschiedenen Handlungsstränge verwirrend
sein können und auch einige Längen aufweisen, bieten sie
zusammengenommmen die vollständigste Entstehungsgeschichte
der Vampire im gesamten Genre. Die Handlung selbst ist ausgesprochen
dünn, doch das ist wohl beabsichtigt. Anne Rice wollte ein
Kaleidoskop von Charakteren, Zeiten und Gesellschaften zeigen. Es
gibt weder einen durchgehenden Erzähler noch eine lineare Handlung.
Und doch ist das Buch eine Art "Bibel für Vampire" - oder ihre
Fans.
michelle@waking-vision.com
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