Jane Seville: Zero at the Bone

Seville
D arbeitet seit gut zehn Jahren als Auftragskiller - eine eiskalte Tötungsmaschine. Dabei hat er sich einen so "guten" Ruf erworben, dass er sich einen eigenen Moralkodex leisten und sich seine Aufträge selbst aussuchen kann. Daher tötet er nur noch Personen, die den Tod seines Erachtens verdient haben. Doch auch er hat seine ganz eigenen "Leichen" im Keller, und so erpresst ihn jemand, den Gesichtschirurgen Jack Francisco zu töten. Jack hat zufällig den Mord an einer Frau mitangesehen, die im Rahmen eines Gerichtsverfahrens gegen die Dominguez-Brüder aussagen sollte, die (nicht nur) in Drogengeschäfte verwickelt sind.

Jack, der bis dahin ein ganz gewöhnliches, ruhiges Leben geführt hat, kommt daraufhin in ein Zeugenschutzprogramm und wird bis zum Gerichtstermin vom FBI versteckt. Doch D gelingt es, den Zeugen aufzustöbern. Als er Jack gegenübersteht, bringt er es nicht fertig, diesen zu töten. Stattdessen sieht er sich moralisch verpflichtet, Jack zu beschützen. Er überredet Jack zur Flucht und so beginnt eine wilde Jagd durch den Westen der USA. Ein Auftragskiller und ein Zeuge gegen die Dominguez-Brüder und Ds Kollegen, die sich auf seine Spur begeben haben, um die Kopfprämie zu kassieren.

Und dann passiert auch noch das Unerwartete: Die beiden so verschiedenen Männer verlieben sich ...

***

"Zero at the Bone" zugehört zu der relativ jungen Gattung der Gay-Thriller - gut geschriebene, action- und temporeiche Romane mit schwulen Protagonisten und einschlägigen Liebesszenen, die aber in diesem Fall sehr einfühlsam und alles andere als reißerisch und "billig" geschildert werden. Wenn man sich erst einmal von dem entsetzlichen Cover und dem unprofessionellen Satz erholt hat, merkt man, dass der Roman wirklich einiges zu bieten hat. Die Charaktere sind genau das: relativ echt wirkende Figuren mit Stärken und Schwächen, Launen, Freuden und Bedürfnissen (wenn beide natürlich auch unheimlich gut aussehen ...). Dass die beiden Personen von Beginn an ein gewisses Maß an Vertrauen verbindet - dass Jack sich D anschließt, dieser wiederum die Zielperson nicht tötet -, ist vielleicht etwas unglaubwürdig - aber, hey, in der Literatur gibt es unglaubwürdigere Storys. Im Gegenzug wirkt aber die Annäherung der beiden Hauptfiguren glaubwürdig: D fühlt sich zu Jacks Lebensfreude und Unschuld hingezogen, die er selbst schon vor langer Zeit verloren hat; Jack bewundert den "echten Kerl" an D - der mit Waffen umgehen kann, sich mit Selbstverteidigung auskennt und ihm Schutz bietet. Beides spielt aber relativ ausgewogen zusammen, sodass die beiden im Verlauf der Handlung meist gleichgerechtigte Partner sind.

Auch die Story ist deutlich durchdachter, als man dies von anderen Schwulenromanen kennt. Es gibt überhaupt eine nachvollziehbare Handlung, und diese dient nicht bloß dazu, die Protagonisten bei möglichst graphisch geschilderten Liebesszenen zu zeigen. Auch wirft die Autorin in den Dialogen der beiden immer wieder die Frage nach moralischem Handeln auf, ohne sie zu simpel zu beantworten (nach dem Motto: "Ich liebe dich, daher ist es mir gleichgültig, was du getan hast" oder: "Vergangen ist vergangen, was zählt, ist, was du heute tust"). Dem Leser selbst bleibt es überlassen, diese Frage für sich zu beantworten.

Fazit: Wer schwule Liebesromane mag sowie Thriller, ist mit "Zero at the Bone" gut bedient. Wer bloß eine oberflächliche Liebesgeschichte mit graphischen Schilderungen sucht, sollte zu etwas anderem greifen; davon gibt es ja genug. :-)