Tad Willimas - Der Blumenkrieg

Austen
Theo hat eine Pechsträhne, wie sie im Buche steht: Nicht nur, daß er irgendwie das Gefühl hat, "nicht von dieser Welt" zu sein, daß er im Alter von 30 Jahren immer noch in einer erfolglosen Rockband singt - zu allem Überfluss wirft ihn seine Freundin aus der gemeinsamen Wohnung, nachdem sie eine Fehlgeburt erlitten hat, und als er dann wieder bei seiner Mutter einzieht, wird bei dieser eine unheilbare Krankheit diagnostiziert. Obwohl sie sich nie allzu gut verstanden haben, sieht sich Theo verpflichtet, seine Mutter zu pflegen, und verliert darüber auch noch seinen Job als Sänger. Als er seine Mutter schließlich beerdigt hat, findet er in ihrem Nachlaß einen Hinweis auf seinen Onkel Eamonn, der ein Weltenbummler war und augenscheinlich seine Memoiren niedergeschrieben hat. Theo verkauft sein Elternhaus und erwirbt von dem Erlös eine abgelegene Jagdhütte. Dort schmökert er in den Erinnerungen seines Onkels, die aber eher Fiktion zu sein scheinen, beschreibt dieser doch eine Welt der Elfen und Goblins.

Nach einigen Tagen erfährt Theo, daß die neuen Besitzer seines Elternhauses brutal ermordet wurden, und hat plötzlich das Gefühl, daß ihn jemand beobachtet. Wenig später schwebt dann plötzlich eine etwa 15 Zentimeter große Elfenfrau namens Apfelgriebs vor ihm, die so gar nicht den traditionellen Vorstellungen von Elfen entspricht, sondern eine eher "blumige" Sprache spricht und ein mehr als selbstbewußtes Verhalten an den Tag legt. Sie offenbart ihm, daß jemand hinter ihm her ist und daß ihr Elfenherr ihr befohlen hat, Theo in das Elfenland zu bringen. In diesem Augenblick steht auch schon ein Monster vor der Tür, das Theo offenbar töten will, so daß dieser nur wenig Einspruch erhebt, als Apfelgriebs ein Tor in die andere Welt öffnet und ihn auffordert, mit ihr hindurchzugehen.

Auf den ersten Blick scheint diese Welt einem Märchen entsprungen, denn hier leben Elfen, Trolle und zahllose andere Wesen, für die Theo nicht einmal einen Namen hat. Aber nicht alles entspricht seinen Vorstellungen von einem Märchenland, denn es gibt auch eine Art Wagen, Züge, Fabriken - und ein Parlament, in dem die verschiedenen Fraktionen der herrschenden Elfenklasse um die Vormachtstellung streiten. Allen voran die sechs herrschenden "Blumen", das heißt Elfenclans. In diesen Konflikt wird Theo hineingezogen. Aus irgendeinem Grund haben es einige dieser Clans auf ihn abgesehen, während andere sich neutral verhalten oder bereit sind, die Interessen der Menschen zu unterstützen.

Theo lernt sehr schnell, daß er niemandem außer Apfelgriebs trauen kann, daß selbst die Elfen, die bereit sind, ihn bei sich aufzunehmen, eigene Pläne verfolgen. Und plötzlich wenden sich die Blumen gegeneinander und greifen zu Mitteln, die im Elfenland eigentlich verboten sind. Schließlich bricht ein neuer Krieg aus, und die Bewohner dieses Landes müssen lernen, daß auch vermeintlich gegnerische Wesen Verbündete sein können. Aber noch immer ahnt Theo nicht, was diese Auseinandersetzung mit ihm zu tun hat, bis er plötzlich vor jemandem steht, der eigentlich tot sein sollte ...

Nach seinem aufwendigen SciFi-Werk "Otherland" hat Tad Williams mit "Der Blumenkrieg" nun endlich wieder einen einbändigen, allerdings immer noch über 800 Seiten starken Fantasy-Schmöker vorgelegt, in dem er den Leser in die Welt der Elfen, Goblins und pferdeköpfigen Wesen entführt. Wer allerdings erwartet, eine heile Welt vorzufinden oder die traditionellen Vorstellungen dieser Wesen, der ist auf dem Holzweg. Tad Williams schildert eine Märchenwelt, die sich im Grunde gar nicht so sehr von der unseren unterscheidet. Es gibt Autos, Bars und Szenekneipen, Bahnhöfe und Züge, ein wahres Moloch von Stadt und eine mehr oder weniger gut funktionierende Industrie.

Je weiter die Industrialisierung in der Menschenwelt voranschritt, desto schwächer wird die Magie in der Elfenwelt, so daß auch die Elfen gezwungen waren, eine Art industrielle Revolution durchzumachen. Und wie auch in der Menschenwelt gibt es kein mehr oder weniger harmonisches Miteinander der Lebewesen mehr, sondern je weiter die Industrielisierung voranschritt, desto stärker prägten sich auch die gesellschaftlichen Gegensätze aus. Es gibt eine herrschende aristokratische Elite von Elfen (die sechs Blumen-Familien), daneben noch diverse niedere Elfen, die bestimmte Dienste verrichten oder - im schlimmsten Fall - in der Fabrik "arbeiten" und durch ihre magischen Fähigkeiten die "Stromversorgung" im Land gewährleisten. Dies alles eröffnet Tad Williams natürlich wunderbar die Gelegenheit, unserer Gesellschaft einen wenig schönen Spiegel vorzuhalten und Seitenhiebe auszuteilen.

Auch die von Tad Williams liebevoll gezeichneten Figuren sind sehr interessant und kreativ. Er hat ihnen Namen gegeben, die entweder zu ihrer jeweiligen sozialen Schicht bzw. Aufgabe passen und so die Erwartungshaltung des Lesers erfüllen oder dieser diametral widersprechen. Beispielsweise "Kleiderhaken" (ein Goblin), "Püppchen" (eine Ogerin), Martha Moosphlox (die Besitzerin des Gasthauses Feuchtbiotop) oder "Flügelstutzer" (ein Cocktail). Kleine Anekdoten über die Entstehung von Namen spicken und ergänzen die faszinierende Handlung des Buches noch. An dieser Stelle auch ein dickes Lob an den Übersetzer; es war sicher nicht einfach, sich all diese Begriffe auszudenken.

So, wie auch die Elfenwelt ausgesprochen ungewöhnlich ist, so ist auch der Protagonist Theo ein alles andere als gewöhnlicher Held. Er ist eher ein Antiheld, der mit einem ständigen Staunen im Gesicht durch diese für ihn ungewöhnliche Welt läuft, dumme Fragen stellt und am liebsten jedem Streit aus dem Weg gehen möchte. Statt dessen würde er am liebsten nur Musik machen oder in Kneipen herumhängen. Das macht ihn aber gleichzeitig sehr sympathisch. Er ist genauso unwissend wie der Leser und endlich mal ein Held, mit dem man sich identifizieren möchte, da er alles andere als übermenschlich ist.